Die pflanzliche Ernährungskomponente der Aborigines – eine Untersuchung

Die Flagge der australischen Ureinwohner, der Aboriginies

Meine nicht besonders kurze Überschrift fasst den Inhalt dieses Beitrages gut zusammen. Der Beitrag basiert auf der 1998 in der Zeitschrift Nutrition Research Reviews erschienenen Studie Australian Aboriginal plant foods: a consideration of their nutritional composition and health implications von Janette C. Brand-Miller und Susanne H. A. Holt von der University of Sydney in Australien.

Die Aborigines sind vor ca. 40-50.000 Jahren über Südostasien nach Australien gekommen. Eine spannende Doku über Völkerwanderungen die ich gesehen habe, an deren Name ich mich aber nicht erinnern kann1, berichtete, dass Populationen in Südindien mit den Aborigines verwandt sind. Es wird vermutet, dass die Aborigines von Afrika stets entlang der Küste gewandert sind, und schließlich in Australien landeten. Es wird angenommen, dass sich die Aborigines schon sehr früh von der ursprünglichen Migrationsgruppe aus Afrika abgespaltet haben, und dass die Abspaltung stattfand, bevor sich Europäer und Ostasiaten voneinander getrennt haben.

Bis vor ca. 200 Jahren, als die ersten Europäer nach Australien kamen, verfolgten die Aborigines eine Lebensweise als Jäger und Sammler. Die Landwirtschaft wie wir sie kennen wurde nie aufgenommen (gezielte Brände zur Förderung bestimmter Pflanzen aber schon), dennoch spielten Pflanzen eine wichtige, wenngleich eher ergänzende, Rolle bei der Ernährung.

Nutzpflanzen haben sich im Laufe ihrer Domestizierung drastisch verändert. Die Autoren der Studie analysieren die Nährstoffzusammensetzung der wilden Nutzpflanzen der Aborigines und vergleichen diese mit der Zusammensetzung ihrer modernen Verwandten.2 Es wird allerdings darauf hingewiesen, dass die Nährstoffzusammensetzung von Pflanzen, die aufgrund des Klimas nach der Ernte schnell austrocknen, wegen des niedrigeren Wassergehaltes eine höhere „Nährstoffdichte“ aufweisen. Zugleich wurden manche Pflanzen in ihrer Gänze analysiert, obgleich die Aborigines nur Teile davon aßen. Das führt zu einer niedrigeren Nährstoffdichte als das Gegessene tatsächlich hatte. Zugleich wird davon ausgegangen, dass der Anteil an Ballaststoffen regelmäßig unterberichtet wurde, sodass der tatsächliche Anteil an Kohlenhydraten niedriger als angegeben ist.

Die Pflanzengruppen.

Früchte. In trockenen Gegenden spielten Früchte eine große Rolle in der Ernährung. Interessant finde ich, dass viele Früchte zu den Nachtschatten gehören, wie Tomaten, Kartoffel und auch Auberginen. In der Paleo-Szene werden Nachtschattenpflanzen wegen einer potentiellen Autoimmun-Reaktion oft mit Skepsis betrachtet.

Wurzeln und Knollen. Aborigines haben eine große Vielfalt an Wurzeln und Knollen gegessen. Viele der Wurzeln enthalten Giftstoffe, die durch das Auswaschen in fließendem Wasser entfernt werden. Viele waren auch reich an Inulin, ein pflanzlicher Ballaststoff. Es wird angenommen, dass Inulin eine gesunde Darmflora unterstützt.

Nüsse. Nüsse waren anscheinend punktuell sehr wichtig. In Arnhem Land war die Pandanus Nuss beliebt und hatte einen Fettanteil von 47 %.3 In südwest Queensland war die Nuss des Bunya-Bunya-Baumes4 so beliebt, dass Einheimische weite Strecken zurücklegten, um in deren Genuss zu kommen.

Interessant ist, dass die von den Aborigines verwendeten Nüsse mit 29 % einen weit geringeren Fettanteil als heute angebaute Nüsse mit 59 % aufweisen. Gleichzeitig war der Anteil an Kohlenhydraten mit 30 % ca. 4-mal höher.

Samen. Für manche Gruppierungen spielten Samen eine große Rolle. Selbst Getreide (die Samen von Süßgräsern) wurde anscheinend verwendet. Leider lässt es die Studie hinsichtlich Getreide bei dieser kurzen Aussage. Dafür wird über die Samen der verschiedenen Akazienbäume ausführlich berichtet, die zu den Hülsenfrüchten gehören.5

Blätter und sonstiges Gemüse. Diese waren in der Ernährung zu vernachlässigen. Finde ich interessant, aber wohl wegen des vergleichsweise geringen Nährwertes nicht weiter überraschend.

Blumen. Im Gegensatz zu Blättergemüse sammelten die Aborigines Blüten, Pollen und Nektar, die sich im Schnitt als gute Lieferanten von Vitamin C herausstellen.

Getränke. Manche Wurzeln und Knollen wurden gekaut und ausgelutscht. Kokosnussmilch wurde getrunken und Wasser wurde zum Teil mit Blüten und anderen Pflanzenteilen geschmacklich angereichert.

Diese Mengen an Eiweiß, Fett, Kohlenhydrate und Ballaststoffe lieferten Pflanzen bei einem Anteil an der Ernährung von 20 %, 40 %, usw. (Tabelle 4 der Studie.) Die Autoren gehen von einem tatsächlichen Anteil zwischen 20 % und 40 % aus.

Schützen Bushfoods vor Zivilisationskrankheiten?

Wie viele Ureinwohner weltweit leidet ein überproportional hoher Anteil der Aborigines an den sogenannten Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes und Herzerkrankungen. Die Autoren der Studie überlegen, ob dies an einer Abkehr von ihren traditionellen Nahrungsmitteln liegen könnte.

Es wird erwähnt, dass die traditionellen Nahrungsmittel einen niedrigeren GI als westliche Lebensmittel haben, d.h. langsamer verdaut werden und einen geringeren Insulinausstoß hervorrufen. Es wird vermutet, dass dies an dem unterschiedlichen Verhältnis zwischen Amylose und Amylopektin im Vergleich zu westlichen Stärkequellen liegt. Bushfoods weisen einen höheren Anteil an Amylose auf.

Zudem wurde festgestellt, dass gesunde und schlanke Aborigines eine stärkere Insulinausschüttung und einen größeren Blutzuckeranstieg als Kaukasier nach dem Verzehr von Stärke zeigen. Einhergehend damit wurde angemerkt, dass die traditionelle Ernährungsweise nur 100-200 g täglich beinhaltete, also eine geringere Menge als bei westlichen Ernährungsweisen, aber höhere Mengen an Ballaststoffen. Der energetische Anteil an Zuckern an der Gesamternährung wird auf 15 % geschätzt, die Hälfte davon durch Zucker. Aborigines hatten wohl einen ausgeprägten Süßzahn und unternahmen einiges, um beispielsweise an Honig zu kommen.

Schließlich wird noch auf die grundlegende, 1985 erschienene Arbeit von Eaton & Konner eingegangen, welche die Paleo-Ernährungsweise auf wissenschaftlichen Fuß setzte. Darin wurden sechs Volksgruppen (!Kung, _Kade, San, Hadza, Aborigines, Tasaday) untersucht. Man nahm an, dass Pflanzen energetisch 65 % der Ernährung ausmachten. Bei den Aborigines lag der Anteil dagegen bei 20-40 % gemäß den Autoren dieser Studie.

Am Ende wird noch aus der Veröffentlichung von Eaton & Konner folgender Satz zitiert:

It is both intellectually satisfying and heuristically valuable to estimate the typical diet that human beings were adapted to consume during the long course of evolution.

—-

  1. Ich meine, dass es die DVD zu diesem Buch war.
  2. Für die Tabellen bitte die Seiten 5 ff. der PDFs/10 ff. des Artikels aufschlagen.
  3. Leider konnte ich die Fettzusammensetzung nicht herausbekommen.
  4. Wikipedia spricht von Samen und nicht von Nüssen.
  5. Irgendwann muss ich mich mit dem botanischen Unterschied zwischen Samen, Nüssen, Früchten, usw. beschäftigen.

9 Kommentare:

  1. 5.) Vielleicht hilft das ja?
    Uni Hohenheim:

    „Im volkstümlichen Sprachgebrauch ist nicht nur der Begriff Frucht unklar definiert, sondern es wird auch nicht immer richtig zwischen Samen und Frucht unterschieden.

    Der Samen ist das, was aus der Samenanlage entsteht; die Samenschale sind die ausgereiften Integumente.

    Die Frucht entsteht aus dem Fruchtknoten; bei der Samenreife können die Samen in der Frucht verbleiben (Schließfrüchte) oder freigesetzt werden (Streufrüchte)“

    https://www.uni-hohenheim.de/lehre370/weinbau/befrucht/5frentw.htm

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