Wissenschaft bedeutet … bei Bedarf seine Meinung ändern zu müssen

Die Wissenschaft ist die Suche nach neuen Erkenntnissen. Erkenntnisse sind aber nicht immer schwarz-weiß; oft sind sie interpretationsbedürftig. Das ist insbesondere in der Ernährungswissenschaft der Fall. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle. Die Interpretationsbedürftigkeit beinhaltet aber die Gefahr, dass falsche Schlüsse gezogen werden.

Ein wahrhaftiger Wissenschaftler muss bereit sein, seine eigenen, womöglich sehr festen, Überzeugungen fallen zu lassen, wenn neue Erkenntnisse dies fordern.

Viele Wissenschaftler und Nicht-Wissenschaftler sind nicht fähig, einen Irrtum zuzugeben oder Überzeugungen, die man verteidigt hat, abzulegen.

Diese Gedanken kamen mir, als ich einen Kommentar von Stephen von Whole Health Source über die Veränderung seiner persönlichen ernährungswissenschaftlichen Überzeugungen gelesen habe:

Hi folks,

To answer the question about which of my views have changed. It’s been years, but for a brief period in the early days I was a proponent of the idea that carbohydrate is the main cause of obesity, that calories are irrelevant to body weight, and that exercise is useless for body weight control. Essentially, I had read Good Calories, Bad Calories and I was under its spell. It took me a while to realize how badly I had been misled by that book, and that sentiment played a role in my subsequent critiques of it.

I had also internalized Taubes’s cavalier and antagonistic attitude toward researchers and public policy experts who disagree with him. 

My views on saturated fat haven’t changed much, but I’d say I’m more agnostic than anything at this point. I doubt saturated fat is a major dietary villain, but I don’t need to shout it from the rooftops, and I also don’t think that means we should eat a large amount of saturated fat. Even if there’s only a small chance that it’s harmful, it would be imprudent to eat a large amount of it in my view (i.e., substantially more than the typical intake). 

Also, I think the argument against n6 PUFA has collapsed somewhat. I still think it’s best to avoid seed oils, but I just don’t see the rationale for avoiding things like nuts.

It’s true that my views have become more mainstream over time. I began writing back in those heady days when low-carb seemed to be taking the world by storm, and it felt like the field of nutrition was being turned completely on its head. Most of us came to realize over time that many mainstream scientific positions are based on a more solid foundation of evidence than we initially gave them credit for. 

There is, however, still a gap between the research and the public understanding of diet/health, and there’s still a lot of nonsense floating around, so we still have plenty to talk about.

Zusammengefasst auf Deutsch:

Früher war er ein Befürworter der Theorie, dass Kohlenhydrate eine der treibenden Ursachen für Übergwicht seien, dass die Anzahl der Kalorien irrelevant sei, und dass Sport keine Rolle spielen würde. Er war zu diesem Zeit noch sehr unter dem Einfluss von „Good Calories, Bad Calories“ von Gary Taubes, ein Buch, das auch wir rezensiert haben. Gesättigten Fettsäuren steht er agnostisch gegenüber. Er glaubt nicht, dass sie gefährlich sind, aber er ist auch nicht der Ansicht, dass man Unmengen davon essen sollte. Omega-6-Fettsäuren verteufelt er nicht; er rät davon ab, Saat-Öle zu verwenden, meint aber nicht, dass man Nüsse oder Samen vermeiden muss.

Taubes Buch haben wir damals sehr positiv rezensiert, allerdings mit der Einschränkung (siehe Fußnote 16 der Rezension), dass Kohlenhydrate nicht per se zu verdammen sind, sondern raffinierte Kohlenhydrate, wie sie beispielsweise in der modernen Standard American Diet (mit der passenden Abkürzung SAD, auf Deutsch „traurig“) zu finden sind.

Und so wiederhole ich die Aussage aus dem Beitrag „Die optimale Ernährung im Lichte der Evolution„, dass es nicht die eine gesunde Ernährungsweise gibt. Vielmehr gibt es eine große Brandbreite an gesunden Ernährungsweisen. Diese traditionellen, erprobten Ernährungsweisen kann man durchaus als „Inseln der Sicherheit“ im Meer der Ernährungsmöglichkeiten betrachten. Es ist ratsam, diese Inseln genauer zu erforschen.

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