Fehlbiss: Zivilisationskrankheit. Teil 7

Der Neurobiologe Stephan Guyenet, Ph.D. von der englisch-sprachigen Webseite Whole Health Source hat eine exzellente Serie zum Thema Fehlbiss und Ernährung geschrieben. Die Serie umfasst neun Artikel; dieser Beitrag ist die Zusammenfassung des siebten Artikels der Serie. Die Zusammenfassung von Teil 1 findest Du hier; Teil 2 hier, Teil 3 hier, Teil 4 hier, Teil 5 hier und Teil 6 hier.

Teil 7 bespricht die zweite und letzte große nachgeburtliche Entwicklungsphase des Kiefers, die um das 11. Lebensjahr beginnt. Nährstoffe wie Vitamin K2 spielen auch in diesem Alter eine Rolle,1 doch wie schon in Teil 6 konzentriert sich Stephan in diesem Beitrag auf andere Faktoren.

Wie man sieht dauert diese neue Wachstumsphase bis zum 17. Lebensjahr an. Die Schädelnähte fangen nun langsam an, sich zu schließen. Der Kiefer besitzt mittlerweile seine endgültige Form und sollte ausreichend Platz für alle Zähne inklusive der noch zu erscheinenden Weisheitszähne aufweisen.2

In Teil 1 dieser Serie haben wir schon über die Erkenntnisse des Dr. Corruccini hinsichtlich der Auswirkungen der Ernährung auf den Zahnreihenschluss gesprochen. Für ihn war ein wichtiger Aspekt die Zähe der verschiedenen Nahrungsmittel. In zwei Veröffentlichungen aus den Jahren 19813 und 19854 assoziiert Dr. Corruccini festeres Essen mit einem besseren Zahnreihenschluss.

Hier könnte man jedoch einwenden, dass festere Lebensmittel in der Regel ursprünglicher und gesünder sind, während weichere Nahrungsmittel eher verarbeitet und daher ärmer an Nährstoffen sind. Bei Tieren stellte man aber fest, dass es die Härte bzw. Zähe eines Nahrungsmittels ist und nicht der Nährstoffgehalt, die den Zahnreihenschluss beeinflusst.

1951 hat man einer Gruppe Ratten während der Wachstumsphase harte Pellets gegeben und einer anderen Gruppe aufgeweichte Pellets. Die Gruppe, die aufgeweichte Pellets bekam, hatte im Vergleich zur anderen Gruppe einen engeren Zahnbogen und einen kleineren Unterkiefer.5

Weitere Studien mit Nagern, Schweinen, und Primaten (Totenkopfäffchen, Paviane, Makake) haben ähnliche Ergebnisse erzielt. Eine Studie untersuchte die Wirkungen von rohem und getrocknetem Futter im Vergleich zu gekochtem Futter. Die Versuche wurden mit Schliefer gemacht, deren Schädel sich in mancherlei Hinsicht dem des Menschen ähneln. Die Tiere, die gekochtes Essen bekamen, hatten einen unterentwickelten Kiefer – und zwar an den Teilen des Kiefers, wo weniger gekaut wurde.6

Schlussfolgerungen und Hinweise

Jäger und Sammler haben im Vergleich zum industrialisierten Menschen einen kräftigeren Knochenbau, größere Gelenke, und durchweg gut entwickelte Schultern und Hüften. Ein Unterschied zum städtischen Menschen liegt in der Beanspruchung des Körpers; mechanische Belastungen sind vermutlich wichtig für die körperliche Entwicklung.

[OH: Hinweisen möchte ich an dieser Stelle auf einen sehr interessanten Beitrag in New Scientist, wonach mechanische Krafteinwirkungen eine tragende Rolle bei der Entwicklung von Zellen spielen. Ein Beispiel: „Meanwhile, tissue engineers are finding that they can grow far better bone and cartilage by mimicking the stresses that the tissues normally experience in the body. For instance, human cartilage grown in the lab is usually nowhere near as strong as the real thing. Recently, however, Clark Hung, a biomedical engineer at Columbia University in New York City, has grown cartilage that matches its natural counterpart strength for strength. The secret, he has found, is rhythmically squeezing the cartilage as it grows to mimic the stress of walking.„]

Für eine korrekte Entwicklung des Kiefers ist es daher wichtig, dass regelmäßig feste Nahrungsmittel gegessen werden, die die Muskulatur und Knochen der Kiefer fordert und fördert. Dörrfleisch, Nüsse, rohes Gemüse, getrocknete Würste (wie die hessische Ahle Worscht) und Knochen zum Abknabbern sind eine gute und gesunde Wahl.

Wo haben wir das her?

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  1. Force-induced rapid changes in cell fate at midpalatal suture cartilage of growing rats: J Dent Res. 1999 Sep;78(9):1495-504.
  2. Das Schaubild ist dem Buch A Synopsis of Craniofacial Growth von Dr. Don M. Ranly entnommen. Die Daten dafür wurden jedoch von Dr. Arne Björk gesammelt, der anhand von Metallimplantaten im Oberkiefer dänischer Kinder genaue Messungen des Zahnbogenwachstums vornehmen konnte. Dr. Björks Daten sind im Buch Postnatal Growth and Development of the Maxillary Complex veröffentlicht. In seiner Veröffentlichung “Sutural Growth of the Upper Face Studied by the Implant Method” (kostenlos online erhältlich) – The European Journal of Orthodontics 2007 29(Supplement 1):i82-i88; doi:10.1093/ejo/cjl096 – sind einige der Daten auch zu finden.
  3. Occlusal variation in a rural Kentucky community: Am J Orthod. 1981 Mar;79(3):250-62.
  4. Dental occlusal variation among rural and urban Bengali youths: Hum Biol. 1986 Feb;58(1):61-6.
  5. The effects of the physical consistency of food on the growth and development of the mandible and the maxilla of the rat: Am J Orthod. 1951 Dec;37(12):895-928.
  6. Effects of food processing on masticatory strain and craniofacial growth in a retrognathic face: J Hum Evol. 2004 Jun;46(6):655-77.

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