Novel Food und anderer Irrsinn

Ein Bekannter von mir in Deutschland hat einen Webshop mit Produkten rund um die Gesundheit für Mensch und Tier. Naja, noch ist das Sortiment klein und man kann nur Chia kaufen. Aber nach und nach sollen mehr Produkte angeboten werden, u.a. Lebensmittel, Trainingsgeräte und Barfußschuhe. Abgesehen von Vibram Fivefingers, über die ich schon berichtet habe, gibt es zwei große Anbieter von Schuhwerk, die ein natürliches Gehen erlauben sollen: Feelmax und Vivo Barefoot – beides Schuhe, die ich äußerst gerne testen würde. Wäre der Versand in die USA nicht so teuer, würde ich mich glatt als Schuhtester anbieten… . Selber kaufen werde ich vorerst kein Paar, weil meine jetzigen Schuhe noch gut sind und insbesondere die Vivo Barefoot mit rund $150 nicht günstig sind.

Wie dem auch sei, Sinn und Zweck diesen Beitrags ist es, über den Irrsinn mancher gesetzlicher Regelungen im Lebensmittelbereich zu berichten. Die Idee für diesen Beitrag kam mir, weil ich mit meinen Bekannten im Rahmen des Shops über Chia gesprochen habe.

Chia – ein jahrtausendaltes Lebensmittel

Wer das tolle Buch Born to Run gelesen hat, wird Chia als das Supernahrungsmittel des mexikanischen Langläufervolkes der Tarahumara kennen. Wikipedia schreibt über Chia:

Seit Jahrhunderten (Anmerkung von OH: eher Jahrtausende!) werden in Nordamerika von Ureinwohnern die Samen des Chia roh oder getrocknet gegessen, und in Soßen oder als Verdickungsmittel benutzt. Wenn sie in Wasser eingelegt werden, bilden die Samen eine äußerst schleimige Polysaccharidschicht, die ähnlich wie Leinsamen die Verdauung fördert, und die zusammen mit den Samen ein vorteilhaftes Nahrungsmittel darstellt. Es wird berichtet, dass ein Glas Orangensaft mit einem Teelöffel vorgeweichter Samen gemischt als Frühstück bis zum Mittag satt hält.

Der Pflanzenforscher Edward Palmer schrieb 1871:

„Um Chia zum Essen zuzubereiten, werden die Samen geröstet und gemahlen, und durch das Hinzufügen von Wasser entsteht eine schleimige Masse mit einem Vielfachen des vorherigen Volumens. Je nach Vorliebe wird gezuckert, und fertig ist der preisgekrönte halb flüssige Pinole der Indianer.“

Dass ein Glas Chia, in der Regel als Chia fresca zubereitet, äußerst lange satt hält, kann ich definitiv bestätigen. Auf meinem Campingtrip habe ich Chia mitgenommen, um beim Wandern oder längeren Autofahrten zu trinken.

Chiasamen bestehen aus 53% Fett, 11% Eiweiß, und 36% Kohlenhydrate, wobei 86% davon Ballaststoffe sind, also nicht wirklich als Kohlenhydrate zählen.1 Für Leute, die kohlenhydratarm essen wollen, wie geschaffen. Besonders beeindruckend ist aber, dass 100g Chia ganze 20g Omega-3 bei nur 6g Omega-6 haben. Perfekt, um sein Omega-3 zu Omega-6 Verhältnis zu verbessern. Des Weiteren sind Chiasamen reich an Vitamine (Vitamin A, Niacin, Thiamin, Riboflavin), Mineralien (Kalzium, Phosphor, Kalium, Zink und Kupfer), sowie Antioxidantien.

Jedenfalls wird Chia seit einer sehr, sehr langen Zeit von Menschen gegessen, und zwar mehr oder weniger als ein Hauptnahrungsmittel. Aber, und das ist das Bizarre, in der EU ist Chia für den menschlichen Gebrauch nur als höchstens 5%-ige Beimischung zu Backprodukten zugelassen!

Wieso?

Weil es ein Novel Food ist, d.h. ein „neuartiges Lebensmittel“, das in der EU vor 15. Mai 1997 nicht in nennenswertem Umfang zum Verzehr in den Handel gebracht wurde. Und als Novel Food darf ein Lebensmittel, egal ob es in anderen Kulturkreisen seit Menschengedenken verwendet wird, nicht einfach so auf den Markt gebracht werden. Nein, es muss zuerst einer ausführlichen Untersuchung unterzogen werden, damit auch ganz sichergestellt wird, dass es dem Menschen nicht schadet. Alleine die staatliche Untersuchungsgebühr beläuft sich in Deutschland auf rund EUR 5.000. Weil man Studien und andere Infos über das Lebensmittel vorlegen muss, kommen laut Wikipedia nochmals Kosten von durchschnittlich EUR 100.000 auf Unternehmen zu. Das Genehmigungsverfahren dauert übrigens zwischen 5 und 18 Monate.

Hat man nun endlich das Verfahren durchlaufen und wurde einem bescheinigt, dass das Lebensmittel kein Risiko darstellt – so wie das bei Chia festgestellt wurde -, heißt das aber nicht, dass das Lebensmittel nun ohne Weiteres auf den Markt gebracht werden darf. Nein, es darf nur so auf den Markt gebracht werden, wie im Antrag bestimmt und auch nur für das jeweilige Unternehmen. Für Chia heißt das nur als 5%-ige Zutat in Backwaren, wie von der Erstfirma beantragt. Alle weiteren Unternehmen müssen einen kostenpflichten Antrag darüber stellen, dass ihr Chia/Novel Food als wesentlich gleichwertig zum Chia/Novel Food des Erstunternehmens ist. Erst dann kann das Lebensmittel auf den Markt gebracht werden!

Ich muss jedoch der Vollständigkeit halber anmerken, dass diskutiert wird, die Regelungen für traditionelle Novel Foods zu vereinfachen. Ich hoffe sehr, dass diese Überlegungen auch tatsächlich umgesetzt werden. Prinzipiell ist die Novel Food-Verordnung eine gute Sache. Ursprünglich sollte sie nämlich gentechnisch veränderte Nahrungsmittel und Derivate davon abdecken.

Rohmilch – ein noch älteres Lebensmittel

USA. Auch wenn Chia hier in den USA überall erhältlich ist und die staatlichen Organe bei neuartigen Produkten keine solch strenge Aufsicht ausüben wie in Europa, gibt es doch einige heftige Irrsinnigkeiten im Lebensmittelbereich. Das bekannteste Problem betrifft Rohmilch und Rohmilchprodukte.

Es fängt schon bei Rohmilchkäse an, welcher nur verkauft werden darf, wenn er über 60 Tage gereift wurde. Bei Rohmilch ist die Sache aufgrund der extremen föderalen Natur der USA leider nicht ganz so einfach. Auf nationaler Ebene ist der Verkauf über Bundesstaatsgrenzen hinweg verboten. Ansonsten hat jeder Bundesstaat seine eigenen Regelungen, sodass sich ein wahrhaftiger Flickenteppich an Regelungen gebildet hat, wie man hier sieht. In einigen Staaten ist der Verkauf von Rohmilch verboten, in anderen erlaubt, in anderen nur bei Verkauf ab Hof, in manchen nur als Tierfutter und in manchen muss man sich gar vereinsartig organisieren und Miteigentümer der Kühe werden, damit man ihr Milch roh genießen kann.

Wieso dieser ganze Hickhack? Weil die FDA, die US-Lebensmittelsicherheitsbehörde, Rohmilch als „grundsätzlich gefährlich“ bezeichnet mit dem Hinweis, dass Rohmilch niemals konsumiert werden sollte, egal zu welchem Zweck. Das gleiche gilt laut FDA sogar für Rohmilchkäse. Deswegen sterben wohl auch in Frankreich und der Schweiz jährlich tausende an Lebensmittelvergiftungen durch Rohmilchkäse. Ein Glück, dass es mich noch nicht erwischt hat.

Unabhängig von der Wissenschaft, die ganz klar belegt, dass jedenfalls Rohmilch von Weidekühen keine bzw. kaum Krankheitserreger aufweist und sogar deren Wachstum verhindert, wenn man welche injiziert,2 sollte man den Verbraucher die Möglichkeit lassen, sich so zu ernähren, wie er möchte. Manche Leute führen an, dass man ja auch Fleisch, Fisch und Eier roh kaufen darf, also wieso nicht Milch, aber das Argument gilt m.E. nicht. Diese Produkte verändern ihre Natur durch das Erhitzen in viel stärkerem Maße, als Milch durch die Pasteurisierung oder Homogenisierung3. Wie sollte man ein hartgekochtes Ei für Pfannkuchen verwenden? Das geht nicht. Aber Milch bleibt flüssig und sieht gleich aus, die Bearbeitung stellt also kein Problem dar.

EU. In der EU ist es den Mitgliedstaaten überlassen, ob sie Rohmilch erlauben oder verbieten wollen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Rohmilch zum Glück legal, wobei es auch hier zum Teil unnötige Vorschriften gibt. Ich habe mich auf einem Bauernmarkt mal mit einer kleinen Hobbykäserei in Deutschland unterhalten. Ich fragte nach Rohmilchkäse, aber die Dame musste leider verneinen, obwohl sie selber ein Fan von Rohmilchkäse war. Sie meinte, die Vorschriften seien dermaßen erdrückend, dass sie sie als kleine Käserei finanziell und zeitlich niemals nachkommen könnten. Tja, und so vergeht an unnötiger Bürokratie ein Stück unserer Lebensmittelkultur.

Aber noch ist alles nicht verloren; Interesse an traditionellen Zubereitungsweisen wächst, wie man beispielsweise an der Slow Food-Bewegung sieht. Wir können unseren Beitrag ebenfalls dazu leisten, indem wir, wo auch immer es geht, lokale Anbieter unterstützen, die noch nach traditionellen Methoden ihre Ware herstellen.

  1. Quelle: http://www.nutritiondata.com/facts/nut-and-seed-products/3061/2.
  2. Siehe Punkt 9 der Organic Pastures FAQ (englisch).
  3. Homogenisierung ist übrigens die Zermalmung der Fetttröpfchen in der Milch!

2 Kommentare:

  1. Hallo,
    ich bin gerade über Ihren Beitrag gestoßen der etwas zurück liegt.
    Zur Zeit versuche ich zu prüfen ob ein Kunde von mir ohne weiteres Chia Samen aus dem nicht EU-Bereich einführen darf um sie hier dann bei Amazon zu verkaufen.
    In Ihrem Post haben Sie geschrieben „Für Chia heißt das nur als 5%-ige Zutat in Backwaren, wie von der Erstfirma beantragt. Alle weiteren Unternehmen müssen einen kostenpflichten Antrag darüber stellen, dass ihr Chia/Novel Food als wesentlich gleichwertig zum Chia/Novel Food des Erstunternehmens ist. Erst dann kann das Lebensmittel auf den Markt gebracht werden!“
    Heißt das nun wenn jemand anderes als im Antrag gestellten Erstunternehmen Chia Samen bezieht um Sie hier in der EU zuverkaufen, dass derjenige erst eine Genehmigung von EFSA benötigt um dies verkaufen zu dürfen?
    Ich wäre über eine Antwort sehr verbunden, da ich (noch) nicht ganz verstehe in wieweit dieses Produkt in EU verkauft werden darf.

    Vielen Dank,
    Chrissy

    • Hallo Chrissy,

      Heißt das nun wenn jemand anderes als im Antrag gestellten Erstunternehmen Chia Samen bezieht um Sie hier in der EU zuverkaufen, dass derjenige erst eine Genehmigung von EFSA benötigt um dies verkaufen zu dürfen?

      genau; meines Wissens hat sich zwischenzeitlich auch nichts getan. Am sichersten wäre es aber, sich an die zuständigen Behören zu wenden.
      Viel Erfolg!

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